Warum blicken wir bei der Johannisbeerwahl nach Osten und Norden?

Ein kurzer Blick in die Züchtungsprogramme Russlands, des Baltikums und Rumäniens

Vielleicht fragen Sie sich, warum in unseren Empfehlungen Sorten aus Russland, Belarus, der Ukraine, dem Baltikum und Rumänien so stark vertreten sind – und warum wir viele bekannte westeuropäische Handelssorten bewusst außen vor lassen.

Diese Wahl ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Beschäftigung mit der Frage, wo, von wem und für welchen Zweck diese Pflanzen gezüchtet wurden. Wenn wir in unserem Klima gesunde Sträucher mit minimalem Chemikalieneinsatz kultivieren wollen, müssen wir die dahinterstehende Genetik verstehen.

5
Länder
100+
Jahre Forschung
2
Schadorganismen
0
extra Akarizide

1. Russland, Belarus und Ukraine: Titanen der Resistenz

In diesen Ländern war die Johannisbeere – vor allem die schwarze – niemals nur eine Zutat für Kuchen. Sie galt historisch als strategische Kulturpflanze und wichtigste Vitamin-C-Quelle für riesige Bevölkerungen. Entsprechend flossen erhebliche staatliche Mittel in die Forschung.

Institute wie das VNIISPK in Orjol oder das Institut für Obstbau in Samochwalowitchi (Belarus) arbeiteten mit umfangreichen Genbanken und kreuzten kultivierte europäische Sorten mit der wilden sibirischen Johannisbeere (Ribes dikuscha). Das Ziel war nicht nur Ertrag, sondern Überlebensfähigkeit.

Wichtigste Züchtungsziele

Eine genetische Barriere gegen den amerikanischen Mehltau und die Johannisbeerknospen-Gallmilbe zu schaffen – eine mikroskopische Milbe, die Knospen zerstört und unheilbare Viren überträgt. Züchterinnen wie T. P. Ogolzowa oder A. G. Woludina widmeten ihr Berufsleben genau dieser Aufgabe.

Das Ergebnis für uns: Robuste „Panzer". Diese Sorten überstehen harte Fröste, benötigen keine regelmäßigen Akarizid-Spritzungen und zeichnen sich durch einen außerordentlich hohen Gehalt an Vitaminen und Pektinen aus.

2. Litauen, Lettland und Estland: Meister des kurzen Sommers

Das Baltikum hat ein besonderes Klima – lange, feuchte und kalte Winter sowie sehr kurze Sommer. Forschungseinrichtungen wie das Gartenbauinstitut Dobele (Lettland) oder das Polli Horticultural Research Centre (Estland) mussten ganz andere Probleme lösen als der Rest Europas.

Züchtungsziele

Rasches Verblühen und Ausreifen sowie vollständige Verholzung vor dem Winter. Widerstandsfähigkeit gegen Blatt-Pilzkrankheiten – Anthraknose und Septoria-Blattflecken –, die im feuchten Küstenklima besonders gedeihen.

Fokus auf Geschmack

Anders als im Westen, wo man auf harte Schalen für die maschinelle Ernte züchtete, legten baltische Züchter (z. B. A. Kviklys in Litauen) großen Wert auf Tafelqualität – dünne Schalen und höheren Zuckergehalt.

Das Ergebnis für uns: Baltische Sorten eignen sich hervorragend für kühlere, feuchtere und nördlichere Lagen. Es handelt sich meist um Frühsorten mit ausgezeichnetem, süßerem Geschmack und hoher Resistenz gegen feuchtigkeitsbedingten Blattfall.

3. Rumänien: Ein unterschätztes Juwel für den Klimawandel

Die rumänische Obstbaukunde wird hierzulande oft zu Unrecht übersehen, doch das Forschungsinstitut für Obstbau in Pitești (ICDP) leistet hervorragende Arbeit. Rumänien hat ein raues kontinentales Klima – frostige Winter, vor allem aber extrem heiße und trockene Sommer.

Da wir auch in unseren Breiten zunehmend wochenlange Trockenperioden und Temperaturen über 35 °C erleben, sind rumänische Sorten von großem Versprechen. Wo nordische Sorten unter schwerem Hitzestress leiden würden, kann rumänische Genetik gedeihen.

Warum meiden wir westeuropäische Sorten?

Westeuropäische Sorten aus den Niederlanden, England oder Frankreich sind nicht schlecht – sie sind hervorragend, aber für ihr ozeanisches Klima: milde Winter, lange und nicht zu heiße Sommer sowie ausreichend Niederschlag. Sie wurden in erster Linie auf hohe Erträge, gleichmäßige Reife und maschinelle Industrieernte gezüchtet.

Achtung: Klimatische Unverträglichkeit

Werden diese Sorten in unser kontinentales Klima – mit Frost im April und 35 °C im Juli – gepflanzt, leiden sie häufig unter Stress, sind anfälliger für Krankheiten und ohne regelmäßigen chemischen Schutz kaum dauerhaft gesund zu erhalten.

Zusammenfassung der Empfehlungen

Berücksichtigen Sie bei der Sortenwahl Ihre tatsächlichen Standortbedingungen. Hier ein Überblick, welche Genetik wo am besten abschneidet:

Region Bedingungen Empfohlene Genetik
Nördliche Lagen Feuchtigkeit, Kälte, Spätfröste Baltische + russische/belarussische Sorten
Mittlere Lagen Vielfältige Bedingungen Ukrainische + belarussische + rumänische Genetik
Südliche und Tieflagen Trockenheit, Hitze, Sonnenbrand Rumänische Sorten + trockenheitstolerante russische/ukrainische Selektionen

Unsere Sortenauswahl aus diesen Ländern ist gezielt – wir suchen nach Genetik, die unter unseren Bedingungen eigenständig funktioniert: mit minimalem Chemikalieneinsatz und maximaler natürlicher Widerstandskraft.


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